Blick ins Tagebuch
Mit Tochter Erika auf Urlaub und im Exil
23.08.1952
Gastein, Sonnabend den 23. VIII. 52
7 Uhr Bad. ½ 9 Frühstück. Toast statt des Semmelteigs. Der Himmel heller. Befinden frischer. Beschäftigung mit dem Manuskript. Beim Badearzt; Geschwätz und Verordnungen. Hauptsache sei, daß mein Gewicht stabil bleibe, was, fürchte ich, bei meinem schlechten Appetit, den Kau- und Schluckschwierigkeiten schwer zu erreichen sein wird. – Mit Reisiger etwas gegangen. Sonne. Mit ihm im Freien gegessen („Laube“) – Allerlei beschwerliche Post, teils absurd. Besuchs-Anmeldungen. Copie della relazione concernente il Premio Feltrinelli. – Nachmittags im Bette geschlafen. Nach dem Thee Reisiger zur Vorlesung des Kuckuck-Kapitels aus dem Krull. Die Wirkung ziemlich lahm. Erika dazu. Hatte schmerzliche Auseinandersetzungen gegeben zwischen ihr und K. über die Trübungen der jüngsten Tage: Golo, die Lichnowsky, Lasky, ihre Schärfe, düstere Übertreibungen, Bitterkeit, das unduldsame Verhältnis zu ihren Geschwistern. Unmutig und kummervoll macht sie sich das Leben zur Qual, ist aber lebendig und hilfreich aktiv, liebreich gegen uns. Abendessen bei ihr am von ihr reservierten Tisch im „Gasteiner Hof“. Staunen über Reisigers gesegneten Appetit und Neid darauf. Ich mag fast nichts als Suppe, Eis, Kaffee. – Zuletzt etwas in Dostojewskys „Jüngling“.
 
Im Sommer 1952 war Thomas Mann nicht nur in der Kur, er war auf Wohnungssuche in der Schweiz. Im rauhen Klima der McCarthy-Zeit in den USA gerieten alle kritischen Geister in den Verdacht des Philokommunismus, so auch Thomas Mann und seine Familie. Er hatte zu diesem Zeitpunkt mit dem alten Kontinent seinen Frieden gemacht, auch mit Deutschland, das er im August besuchte – sogar München und seine alte Villa am Herzogpark. Von dort führte es Thomas Mann und die Seinen nach Salzburg zu den Festspielen, danach nach St. Wolfgang, weil die Familie seines Sohnes Michael dort weilte. Nach einen Besuch von Straussens „Die Liebe der Danae“ entschließt er sich zu einer Kur in Badgastein und bezieht vom 20. August bis 10. September Quartier im „Haus Gerke“, wo er Thermalbäder nimmt und eine strikte Kur verordnet bekommt. Es muss ein verregneter Sommer gewesen sein: „Der Regen nachts heftiger. Frösteln“. Tags darauf plagte ihn bereits der Rachenraum, er konnte kaum etwas zu sich nehmen, nicht einmal die geschätzten Semmeln, nur weichen Toast. Ein alarmierendes Signal sei der Gewichtsverlust, den der Badearzt feststellte. Viel gab Mann aber nicht auf den ärztlichen Rat: „Geschwätz“. So nimmt man ihm den Futterneid beim Dinner ab. Er, der Genießer, brachte nur Suppe herunter. Bald sollte er sich von dieser Entzündung erholen und wieder lustvoller zulangen, auch ganz ohne ärztlichen Rat: „Aß mit Appetit gebratenen Fisch u. einen Pfannkuchen“, heißt es am 25. August. Zufrieden war er mit dem Gasteiner Kuraufenthalt jedenfalls nicht: „Die Führung ist habsüchtig. Laues Wasser und man ließ uns frieren.“

Im Gegensatz zu anderen Urlaubsaufenthalten war dieser von „völliger Zurückgezogenheit“ geprägt, nur wenige Besucher machten die Aufwartung. Erkannt wurde er jedoch von vielen Kurgästen: „ein Nachteil des Ruhms“. Einzig Hans Reisiger, „Reisi Boy“, leistet ihm eine Woche Gesellschaft und sah Mann täglich – so auf einem Spaziergang zum Garten des Restaurants „Friedrichslaube“. Dem Schriftsteller und Übersetzer vertraute Mann, gerade in seiner Einschätzung des politischen Nachkriegsdeutschlands. Mann fand den etwas täppischen Reisiger sympathisch, der am Gasteiger Bahnhof vor den Augen Thomas Manns „einen spitzbärtigen älteren Herren für mich gehalten und begrüßt hatte“. Als Gesprächspartner schätzte Mann „Reisi, erheiternd nach alter Art“.

Auf Basis dieser Vertrautheit stellte er ihm nach dem obligaten Tee das Kuckuck-Kapitel aus dem dritten Buch des „Felix Krull“ vor: Urpferdchen, Paläontologie, Weltgeschichte – Thomas Mann hatte zahlreiche Fachbücher für die Speisewagenausführungen Kuckucks gewälzt und sich erneut in einer Form „des höheren Abschreibens“ geübt. Die Ausführungen des Professors sind denn auch etwas langatmig, das entworfene Weltbild komplex. Entsprechend wenig begeistert zeigte sich wohl Reisiger. Mann hatte den Hochstaplerroman, der seit 1911 verschiedene Publikationsstadien erreicht hatte, jedoch unvollendet geblieben war, wieder aufgenommen – zur Rundung des Oeuvres, ein wenig aus Verlegenheit. Zur Zeit des Gasteiner Aufenthalts arbeitete Thomas Mann zwar regelmäßig, doch etwas gequält „am 1. Dialog Mutter-Tochter“ in der Erzählung „Die Betrogene“. Parallel zur eigenen Arbeit las er einen seiner Lieblingsschriftsteller: Dostojewski, „Jüngling“, einen der selten gelesenen Romane des russischen Dichters.

Zur wenig erfolgreichen Lesung des Kuckuck-Kapitels gesellte sich Erika Mann hinzu, die das elterliche Ehepaar auf der Kurreise begleitete. Nach anfänglich großen Erfolgen als Vortragsreisende und gefragte Interviewpartnerin geriet Erika Mann zunehmend in den Verdacht einer kommunistischen Einstellung. Sie galt als verdächtig, verlor das berufliche Betätigungsfeld und mit dem Tod ihres Bruders Klaus im Mai 1949 den wohl wichtigsten Lebenspartner, der ihr Inspiration und Antrieb gab. Ihre Hoffnungen auf einen demokratischen Neuaufbruch nach dem Krieg waren getrübt. Erika Mann war mit Mitte vierzig verbittert, aggressiv, sarkastisch. „Zu viel Charakter macht ungerecht“, sagte Thomas Mann über sie, deren „dunkle Unversöhnlichkeit“ nicht nur die Familie belastete.

Erika Mann fand ihre Rolle als „public relations officer“ oder „Tochter-Adjutantin“ des Vaters, der ihren Rat schätzte und der ihr viele praktische Tätigkeiten wie Reiseorganisation, Vertragsverhandlungen oder die kalifornischen Hausveräußerung überließ. Seit dem Abschied von den USA war Erika Mann nicht von der Seite der Eltern gewichen, was zu Konflikten führte, insbesondere mit der Mutter, mit der es auch an diesem Tag Streit gab – und ein Versöhnungsessen im „Gasteiner Hof“. Vorangegangen war diesem Streit der scharfe Umgang mit ihrem Bruder Golo. Im Organisator des Berliner Friedenskongresses Marvin Lasky vermutete sie einen „amerikanischen Agenten und Spion“. Auch moquierte sich Erika über Golos Umgang mit Eleonore von Lichnowsky, die er seit seiner Heidelberger Studentenzeit schätzte. Sie arbeitete als Schriftstellerin und Sozialwissenschaftlerin in Peking und Rom und bot Erika Mann offenbar Paroli. Selbst Thomas Mann war die „sonderbare pädagogische Ereiferung der Gräfin-Professorin“ etwas zu viel. Erika Mann machte mal gute Mine, explodierte, zerstritt sich leidenschaftlich. Offenbar führte dieses aufbrausende Verhalten zu einer Unterhaltung zwischen Mutter und Tochter. Niemand lässt sich gern sagen, er oder sie mache sich das Leben schwer.

Die Gasteiner Szene war nicht nur ein einfacher Familienstreit. Sie war Folge des Exillebens, das die Familie Mann auch 1952 in ihrer Abwendung von den USA weiterlebte. Erika Mann war heimatlos und ohne berufliche Perspektive. Das Exil sollte auch im Sommer 1952 nur vorläufig in Erlenbach bei Zürich und später in Kilchberg enden. Auch die schweizer Jahre waren letztlich Exiljahre, die Manns permanente Reisende.
 
Thomas Mann: Tagebücher 1951-1952. Herausgegeben von Inge Jens. Frankfurt a. M. 1993, S. 260f.
[1] Exemplare eines Zeitungsberichtes über den Preis des mailänder Verlagshauses Feltrinelli. Der Internationale Antonio Feltrinelli Preis ist der höchste Italienische Wissenschafts- und Kulturpreispreis. 1952 wurde er erstmals vergeben und ging in der Rubrik „arte litteraria“ an Thomas Mann.