Blick ins Tagebuch
Sanary-sur-Mer: „Dies halbe Jahr scheint mir recht schnell vergangen“
19.08.1933
Sonnabend den 19. VIII.
Schon wieder ein Wochenende und Vermehrung der Spaziergänger auf der Colline. Die Zeit vergeht außerordentlich schnell hier. Dies halbe Jahr im Ganzen scheint mir schnell vergangen, und sechs solche Zeitspannen etwa, wenn ich 3 Jahre für eine Periode rechne, der rasch zu anders Geartetem leiten muß, scheinen mir gar nicht schwer zurückzulegen.
Zeitig auf und gebadet. Am ersten Potiphar-Kapitel weiter geschrieben.
K., Gott sein Dank, fieberfrei, aber noch erkältet [1].
Beidlers aus Berlin melden ihre Ankunft an der Küste an. – Franco Schwarz [2], Mailand, zitiert mir mein Wort von dem Durchschimmern der eigentlichen Bestimmung der Gotteskinder durch Leiden und Qual. – Brief vom Budapester „Athenäum“ über den Stand der Übersetzung. Die überstarke Verklebung läßt erkennen, daß der Brief in Deutschland geöffnet worden.
Das „Tagebuch“, das ich nachmittags im Garten las, berichtet von anderen solchen Fällen, die natürlich Rechts- und Vertragsbrüche sind.
Brief von Feist, der über mein Außenbleiben das Übliche sagt (in Frankreich aufgegeben), aber Möglichkeiten sehen läßt, 15.000 Mark, die bei B. Simon in Berlin liegen u. für verloren gelten, doch noch herauszubringen. Übrigens scheint es, daß 14.000 Mark, die durch die Botschaft in Paris eingetroffen und von denen wir 5.000 frs der Emigrantenfürsorge gestiftet, eine Zahlung Bermanns darstellen.
 
Den Tag begann Thomas Mann wie in den Wochen zuvor mit einem Bad im Mittelmeer. Am 12. Juni 1933 war Thomas Mann in die Villa „La Tranquille“ nach Sanary-sur-Mer übergesiedelt, hatte sich ein Peugeot Cabriolet gekauft und neu eingekleidet. Das Dienstmädchen Maria Ferber war von München nachgekommen. Er las Tolstoi und Stifters „Witiko“. Der Aufenthalt an der Côte d’Azur war jedoch keine willkommene Sommerfrische, er bildet die erste Station des Exils der Familie Mann. Über Amsterdam und Paris führt zunächst eine Frühjahrsreise Ende Februar zum geplanten Skiaufenthalt in Arosa. Aus dem Urlaub sollten die Manns nicht wieder ins Deutsche Reich zurückkehren. Sein Vortrag „Leiden und Größe Richard Wagners“ wurde zum Vorwand genommen, ihn erst intellektuell, dann aber auch de jure auszubürgern. Umso mehr freute ihn der Austausch mit Richard Wagners Enkel Franz Wilhelm Beidler aus der verstoßenen Isolde-Familie (1901-1981). Beideler hatte in der Zeitschrift „Melos“ einen Artikel zum 50. Todestag Wagners publiziert, der Manns Wagnerbild stützt. In Sanary gehörten sie für einige Wochen zu den geschätzten Hausgästen im neuen Heim.

Ein halbes Jahr zuvor hatte Thomas Mann sein Haus in der Poschingerstraße verlassen. Er zeigt sich gleichmütig und ausgeglichen, rechnete sich aus, das hielte er schon auch noch etwas länger durch, galt Hitler doch damals als eine Übergangserscheinung, der nur wenige politische Stabilität zugetraut hätten. Nicht ganz verrät Thomas Mann, ob er dem Mailänder Ingenieur Franco Schwarz zustimmen kann, der die Emigration zur göttlichen Auszeichnung stilisiert. Irgendwie scheint ihn die Vorstellung beeindruckt zu haben.

Bereits im Februar begann der Exodus des Mann’schen Haushalts aus der Poschingerstraße: Bücher, Manuskripte, Tagebücher. In einem Koffer, den der den Nazis zugeneigte Chauffeur Hans Holzner dem Braunen Haus anzeigte, befanden sich Tagebücher und das Typoskript von „Joseph und seine Brüder“. Wie durch Zufall wurde der Koffer freigegeben. Das Haus wurde an eine amerikanische Familie namens Taylor vermietet, die sich über den schleichenden Möbelverlust bei deutschen Stellen beschwerte. Während Erikas Aufenthalt fanden sogar Besichtigungstermine statt. Möbel und Hausrat sandte nämlich Freund René Schickele als französischer Staatsbürger nach Badenweiler. Thomas Manns Freundin Ida Herz, die auf der Durchreise nach Garmisch war, rettete die Handbibliothek für den „Joseph“ nach Basel, auch Golo und Erika Mann brachten zahlreiche Gegenstände in Sicherheit. Am 17. August seien mehr als 40 Kisten, fast die ganze Bibliothek, das Silber, das Porzellan und die Platten in Zürich eingetroffen, heißt es im Tagebuch. Erst am 25. August wurde das Haus schlussendlich beschlagnahmt und von SA-Posten bewacht, sodass der Abtransport ein Ende fand. „Die Vorstellung, daß ich in absehbarer Zeit wieder zwischen meinem Schreibtisch und Lederfauteuil wohnen und das Grammophon wieder haben werde, ist angenehm, ja erheiternd“, so Thomas Mann erleichtert.

Schwieriger stellt sich die finanzielle Situation dar: Hans Feist war zu diesem Zeitpunkt, da auch Golo Mann aus Deutschland geflohen war, neben Rechtsanwalt Valentin Heins der einzige verlässliche Sachwalter Thomas Manns, bei dem auch noch Hausrat und Bücher einquartiert waren, die jedoch am 17. August beschlagnahmt wurden und sich nach dem Weltkrieg in diversen Münchner Bibliotheken wiederfanden. Der Anwalt sollte beim Münchner Finanzamt das Paradox ergründen, wie es seien könne, dass Mann als expatriierter Ausländer dennoch Steuern zu zahlen habe – Thomas Mann habe sich durch sein Fernbleiben des „Wirtschaftsverrats“ schuldig gemacht, so die Behörde.

Wie rettet man ein Vermögen? Erst sollte sogar eine Scheinhochzeit der jüngsten Tochter Monika die Wertpapiere im Wert von 100.000 RM retten. Bereits die in der Schweiz deponierten deutschen Goldpfandbriefe konnten nur mit imensem Verlust verkauft werden. 65.000 RM hob Golo Mann in München von der Bank ab und ließ sie über den Kurierdienst der französischen Botschaft mit Einverständnis des Botschafters in Berlin, François-Poncet, überführen, zu dem Golo Mann über seinen Freund Pierre Bertaux Zugang hatte. Am Tag des Tagebucheintrags kam über diesen Weg eine weitere Zahlung, die 14.000 RM Tantiemen des Verlegers, an. Materialismus und Raffgier kann man den Manns übrigens nicht vorwerfen. So kommentierte Mann den Verlust seines Hauses damit, dass manch andere mehr verlieren würden und spendete an andere in Not geratene Emigranten. Auch in den USA sollte er sich häufig auch finanziell für Kollegen einsetzen. Dass die Familie zu Beginn der Exilzeit „so gut oder so schlecht wie gar kein Geld gehabt“ habe, wie es Erika Mann häufig darstellte, trifft jedoch auch nicht zu.

Am meisten sorgt sich Thomas Mann denn auch um seine Manuskripte und die für das Schreiben des Joseph-Romans notwendige Handbibliothek. Am „Joseph“ arbeitete er beständig und war an Resonanz interessiert: Nach dem morgendlichen Bad hatte Thomas Mann am Potiphar oder „Zwergen“-Kapitel weitergeschrieben, so auch an diesem Tag. Am Abend des 19. hatte er zwanzig Personen zu einer „Garten-Geselligkeit“ eingeladen, zu der auch der deutsch-französische Schriftsteller Yvan Goll hinzustieß. „Ich las auf der kleinen Terasse sitzend, das bei diesen Gelegenheiten als Podium dient, ‚Jaakobs Hochzeit’“. Dieser Tage sah Thomas Mann die Druckfahnen und Revisionen durch, die er am 19. August an seinen Verleger Bermann Fischer nach Berlin sandte und bei dem er sich über die Ausgestaltung des Buches erkundigte. Über den Verleger hatte Thomas Mann sich in diesen Tagen geärgert, weil dieser ihn zum Eintritt in die Reichsschrifttumskammer und zur Unterzeichnung eines Loyalitätsrevers aufforderte. Mann entschloss sich, diese Schreiben zu ignorieren. Auch forderte Fischer ihn zu einer Rückkehr nach Deutschland auf, was Mann mit den Worten „törichter, eigennütziger, willentlich unwissender Mann“ quittierte. Noch drei Jahre sollte die Schaukelpartie dauern, bis Mann akzeptierte, dass seine Bücher im Deutschen Reich nicht mehr erscheinen würden und der Verleger sich damit abfand.

Mag er sich noch so gelassen und in Ferienstimmung geben – Thomas Mann beobachtete genau, was im Deutschen Reich vor sich ging. So berichtete Leopold Schwarzschilds in Amsterdam und Paris publiziertes „Das neue Tagebuch“ von Völkerrechtsverletzungen – Verstöße gegen das Postgeheimniss waren da weniger dramatisch. In Dachau wurde im Sommer 1933 das erste Konzentrationslager für Regimegegner aufgebaut. Thomas Mann tat recht daran, dem Deutschen Reich nun nicht mehr zu trauen. Aus einem halben Jahr Exil sollte letztlich ein lebenslanger Zustand werden.
 
[1] Am 18. August vermerkte Thomas Mann, seine Frau Katia sei erkältet und etwas fiebrig im Bett geblieben. Wenige Tage später wurde eine Mittelohrentzündung diagnostiziert. Vielleicht hat sie sich auf der Gartenparty vom Vortag verkühlt.
[2] Alberto Franco Schwarz war nach Beendigung seines Studiums als Ingenieur nach Teheran gegangen, um Konstruktionsarbeiten für die Bahnlinie Teheran-Basra durchzuführen. Seine junge spätere Frau Andrea Leppmann aus Berlin war 1933 der Verfolgung der Nationalsozialisten ausgestezt und floh zu ihrem in Teheran als Ingenieur tätigen Bruder Andreas, wo sie Schwarz kennenlernte. 1937 heirateten sie in Mailand und wanderten später in die USA aus. Die genaue Verbindung von Schwarz zu Thomas Mann ist nicht zu eruieren, verbunden hat sie offenbar die Aversion gegen die Nationalsozialisten und das Exil.