Blick ins Tagebuch
Unklarheit, wie lange dies Dasein währen wird
29.07.1955
Zürich, Freitag den 29. VII. 55
In dem riesigen Kantonsspital bei der Universität und zu ihr gehörig. – So ist denn der schöne Aufenthalt in Noordwijk in dieses Krankheitsabendteuer ausgegangen, die Venenentzündung, die zweifellos als eine verspätete Reaktion auf die Anstrengungen und Aufregungen im Mai u. Juni zu betrachten. – Der Ambulanz-Transport nach Amsterdam und von da im Flugzeug nach Zürich und in dieses Bett erfolgte am Sonnabend den 23. Nun konnte die regelrechte Behandlung des geschwollenen und fiebernden Beines u. der Krankheit im Ganzen beginnen unter Leitung von Prof. Löffler, der noch am Samstag Abend erschien, Obersrzt Essailler, Dr. Arnstein u.a. Schwestern Marti, Heidi etc. Exakte Pflege. Alkohol- und Essigs. Tonerde-Wickel, dazu Penicillin- und blutlösende Injektionen. Gute, ja erstaunliche Fortschritte in diesen 6 Tagen, obgleich mein Mund wund, der Hals geschwollen und entzündet, das Essen Qual u. Mühsal, der Appetit gleich null. K., vormittags u. nachmittags bei mir, versorgt mich mit Ergänzungen für das schlechte Essen. Nachmittags ¼ Stunde sitzend auf dem Bettrande. Die Nächte anfangs sehr schwierig. Abendteuer der Bettschüssel, nie erprobt. Oft große Niedergeschlagenheit. Besuche von Gret und Bibi, den Buben, Golo, Schweizer. Blumen im Zimmer. – Prof. Löffler, sympathische Berühmtheit, etwas Primadonna, aber angenehm. Spricht von Hannos Typhus, der ein Gewand des Todes, nenn das eine sehr gute medizinische Einsicht. – Immer wiederholtes Pinseln des Schlundes und Mundes nach dem Gurgeln. – Rauche kaum, 3 Cigaretten. – Das Wetter kühl u. regnersich. – Füttern der Spatzen. – Las Shaws „Heiraten“ zu Ende. Lese Einsteins „Mozart“. – Lasse mir’s im Unklaren, wie lange dies Dasein währen wird. Langsam wird es sich lichten. Soll heute etwas im Stuhl sitzen. – Verdauungssorgen und Plagen.
 
Als Thomas Mann am 21. Juli in der gemieteten Strandhütte 42 in der niederländischen Sommerfrische Noordwijk aan Zee das „Geleitwort“ zu „Die schönsten Erzählungen der Welt“ im Desch Verlag beendete, schien noch alles in Ordnung. Das gelegentliche Zwacken im Bein entpuppte sich bereits tags darauf bei einem Arztbesuch als Venenentzündung in der Leistengegend: „Tatsächlich war das eine Bein doppelt so dick wie das andere; aber wer kommt denn darauf, die Dicke seiner Beine zu vergleichen!“ Diese Sätze schrieb er fern aller Kränkelei bereits aus der Zürcher Klinik. Dorthin hatte ihn der holländische Internist Dr. Mulder empfohlen, die Abreise stand ohnehin bevor. Mit Linienflug ging es zum Flughafen Kloten, wo er am Rollfeld von Freunden und angehörigen empfangen wurde.

Im Mai hatte Thomas Mann seine Heimatstadt Lübeck besucht, im folgenden Monat wurde sein 80. Geburtstag begangen – Erholung tat wohl not nach diesen Strapazen. Nun mussten alle Pläne aufgegeben werden: Besuche wurden abgesagt, einer württembergischen Blaskapelle abgeschrieben, Journalisten vertröstet, das Tagebuch pausiert vom 22. Juli für eine Woche.

Durch Nachforschungen von Thomas Sprecher und Ernst O. Wiethoff wissen wir, dass die Thrombose, deretwegen Thomas Mann die Niederlande verließ, nicht die Todesursache war. Vielmehr führte eine Ruptur, ein Riss in der unteren Bauchschlagader zum Tode. Am 29. Juli war Thomas Mann hoffnungsvoll, der Zustand hatte sich durch die gute Behandlung gebessert, die die Auflösung der Blutstauung bewirkt hatte. Durch Penizillin und blutlösende Mittel und Wickel führt die Behandlung zum Erfolg. Genau vermerkt er die Behandlung sowie die medizinischen Beteiligten: der Internist und leitende Direktor der Klinik Wilhelm Löffler, André-Ferdinand Esselier und der Assistenzarzt der Privatstation, auf der Thomas Mann in einem Einzelzimmer untergebracht war, Friedrich Arnstein. Der Genesung nützte die zuvorkommene und „exakte“ Pflege durch die emsigen Schwestern, die Thomas Mann eigens erwähnt.

Besuch erhielt er von den nächsten Familienangehörigen, seinem Sohn Michael mit Gattin Gret Moser und den Kindern Frido und Toni sowie von Golo Mann. Von den Freunden erhielt nur Richard Scheizer Zutritt ans Krankenbett. Katia Mann besuchte ihn offenbar so häufig sie konnte und kämpfte gegen das schlechte Essen; sie mag ihm auch sein Tagebuch gebracht haben.

Trotz seiner leidenden Lage und dem Gefesseltsein ans Krankenbett, das er nur kurz für den Rollstuhl verließ, beobachtete er seine Umwelt sehr genau und mit Anteilnahme: die Krankenschwestern, den primadonnenhaften Klinikchef, der ihm Komplimente für die Figur des kleinen Hanno aus den “Buddenbrooks“ machte, das kühle Wetter, aber auch die Spatzen auf dem Fenstersims, die er mit dem schlechten Klinikessen zufriedenstellen konnte. Er ließ es sich nicht nehmen zu rauchen, und seien es drei Glimmstängel pro Tag. Auch gab er sich keiner Lethargie hin, er arbeitete, er las. Alles andere als leichte Kost, die man in Krankenhauskiosken erwerben kann. Stattdessen das Mozartbuch des Musikwissenschaftlers Alfred Einstein, der wie er einst in München lebte und dann in die USA emigierte und an so renommierten Universitäten wie Yale und Princeton unterrichtete. Er las das 1945 erschienene Buch bereits zum dritten Mal. Dann aber auch Heiteres: George Bernhard Shwas Komödie „Getting married“ von 1908 in deutscher Übersetzung. Später kam noch ein portabler Plattenspieler ins Krankenzimmer, das mit vielen Blumengrüßen ausstaffiert war – darunter auch einer vom Kanzler des Verdienstordens Pour le Mérite, der ihm von der Bundesrepublik Deutschland verliehen worden war.

Gegen Ende des Tagebucheintrages sind aller Genesung zum Trotz Zweifel spürbar, vorsichtig formuliert: Er möchte für sich im Unklaren belassen, wie lange sein Leben noch dauert, langsam werde es sich „lichten“. Dies war kein pathetisches Schlusswort an die Nachwelt, es war die Reflexion eines Menschen, der sich weiter Rechenschaft ablegen wollte, Tag für Tag und der am Ende wieder ganz bei seinem Leiden und den Ängsten ist. Sein letztes Tagebuchnotat. Am 12. August 1955 starb Thomas Mann beim Einschlafen, kurz nach 20 Uhr, nachdem er nach seiner Brille verlangt hatte: sehen, beobachten, lesen, leben.
 
Thomas Mann Tagebücher 1953-1955. Herausgegeben von Inge Jens. Frankfurt a. M. 1995, S. 360f.