Blick ins Tagebuch
Franzel: La forza de suo viso
20.07.1950
St. Moritz, Donnerstag, den 20. VII 1950
Gut geschlafen wie auch K.. Bad und Theefrühstück. Ausbleiben von Post, scheinbares Versagen des Dolder-Concierge. Brief an Direktor Kraehenbühl. Unabhängig hiervon die Frage ob Franzl antworten wird. Das Waldhaus, wohin sein Brief gehen würde, schickt getreu. Er wird wohl nicht wissen anzufangen und in seinen Schriftzügen werden ja nicht seine Augen sein, la forza de suo bel viso. – Michelangelos Gedichte beschäftigen mich nachhaltig. Ich möchte darüber schreiben. Diese sinnlich-übersinnliche Liebeskrankheit, diese phantastische Aufgewühltheit, die immer das Verfallensein an das Schöne als Liebe zu Gott und dem Geistigen deutet, diese Kraßheit der Schilderung der eigenen Häßlichkeit, des eigenen Lebenselends halten mich gewaltig fest. Das erotisch aushaltende Alter, das unbezähmbare Verfallensein an schöne Augen. – Das Wetter bedeckt und kühl. Kleine Heiz-Sonne im Zimmer – Schrieb etwas am Kapitel weiter. (Besteigung des Felsens). – Schöne Spaziergänge vormittags und gegen Abend mit K. .- Die Mäntel kamen gute englische Ware. – Sah Michelangelos Bekenntnisse weiter an in Gedanken an einen Aufsatz. – Geschichte der Päpste. – Ein paar Postkarten. Ausbleiben von Post, fast ganz, im Allgemeinen und im Besonderen. Wüsste der Junge in der weißen Jacke, wie ungeduldig ich bin, ein paar Worte von ihm in Händen zu haben, er würde sich etwas mehr beeilen! – Die Küche hier ist vorzüglich. – K. rief Frau Ninon Hesse an abends.
 
„Münchner Kellner, hübsch“. So beginnt am 25. Juni 1950 der Schwarm Thomas Manns für Franz Westermeier, Kellner am Zürcher Grandhotel Dolder. Thomas Manns Zuneigung drückte sich dadurch aus, dass er ihm ein Empfehlungsschreiben anbot und dem Hotelangestellten schrieb. Offenbar antwortete der mit der Ehre einer Empfehlung eines Nobelpreisträgers ausgezeichneten nicht. Dies trübte Mann in seinem Feriendomizil in St. Moritz. Noch will er die Schuld bei mangelnder Vermittlung suchen. Jedoch beschlichen ihn auch Zweifel. Er malt sich lebhaft aus, welche Schwierigkeiten Westermeier gehabt haben könnte, sich zu einer Antwort aufzuraffen, endlich zu schreiben. Endlich.

Schwärmerei, Homoerotik, Homosexualität – mit all diesen Begriffen wurde Manns Verhalten dem jungen Kellner gegenüber gedeutet. Manchen taugte es dazu, einen handfesten Beleg für Thomas Manns Neigung zu Männern gefunden zu haben. Die Tagebucheinträge als Beweis. Wie sich die Zuneigung zu dem jungen Mann steigerte, verraten die Tagebucheinträge. Der Biograph Hermann Kurzke druckt sie ab, kommentarlos, denn sie sprechen für sich selbst. Thomas Mann äußerte seine Gefühle in seinem Tagebuch: Verliebtsein, Sehnsucht, Freude, Leiden. Am 20. Juli ist es Hoffnung und Sehnsucht nach einem Lebenszeichen.

Als Schreibender dokumentiert und verarbeitet Mann seine Gefühle nicht nur im Tagebuch. Der Fall Westermeier treibt ihn um und führt ihn zu künstlerischer Produktivität. Durch puren Zufall wurden Thomas Mann die Gedichte Michelangelos zugetragen. Er fand Gefallen an der Spiegelung des eigenen Schicksals in der Lyrik des großen Renaissancekünstlers, der von Tomasso Cavalieri schwärmt. Die Schönheit von dessen Antlitz, la forza de suo bel viso, entstammt der Lektüre, das „Verfallensein an die schönen Augen“ auch. Er schrieb in seinen Michelangelo-Essay seine Erfahrungen mit Franzl ein. Am 20. Juli erwägt er eine Aufnahme des Schreibprozesses: „Ich möchte darüber schreiben“, wiederholt er fast autosuggestiv.

Aber nicht nur die Schönheit der Jugend beschäftigt ihn, auch die Häßlichkeit des Alters, mitunter die eigene. Frierend sitzen Katia und Thomas Mann auf den Hotelzimmern, tags zuvor mussten sie zwei Wintermäntel bestellen. Mann wärmt nicht nur der elektrische Heizofen, die Umgebung scheint entrückt angesichts der inneren Empfindungen. Allein die Spaziergänge boten Abwechslung. Wer meint, Katia Mann habe nichts von den homoerotischen Annäherungen ihres Mannes gewusst, liegt falsch. Während ihr Mann im Dolder logierte, hatte sie eine Unterleibsoperation an der Klinik Hirslanden über sich ergehen zu lassen – Frauenleiden. In den Wochen nach ihrer Entlassung sind sie sehr vertaut. Erika Mann und ihre Mutter wurden selbstverständlich konsultiert, ob es schicklich sei, dem Hotelpagen einen Brief zu schreiben. Beide bestätigten damit auch seine Schwärmerei, Erika riet sogar dazu, den Moritzer Aufenthalt abzubrechen, damit Thomas Mann wieder ins Dolder zurückkehren könne.

Trotz allem kam Thomas Mann zum Lesen: Ludwig Pastors beim katholischen Herder Verlag erschienene „Geschichte der Päpste“ beispielsweise, eine zentrale Quelle für seinen Gregorius-Roman „Der Erwählte“, an dem er trotz aller Sehnsucht und emotionaler Verwicklung auch an diesem Tag weiter schrieb, am Kapitel XXVII. Der auf dem Fels isolierte wird aufgefunden, ein Fischer erklimmt den Stein, schlägt Eisen in ihn und findet Gregorius: „das Geschöpf“.

Noch im Oktober 1950 trauert Thomas Mann Franzl und dem nicht eingegangenem Brief hinterher, sein Verhalten selbst kommentierend: „Zähe Torheit. Aber man sehe, wie das vorhält“. Sechs Wochen später: „Will notieren, dass ich tatsächlich bis heute jede neue Post darauf durchsehe, ob etwa eine Zuschrift des kleinen Westermeier dabei ist. Vollkommen oder fast vollkommen unsinnig“. Fast, immerhin geriet der Kellner Mann nun ins Zwielicht, denn er hatte „falsche Augen“ in suo bel viso. Sei es wie’s sei: Er hat es notiert.
 
Thomas Mann: Tagebücher 1949-1950. Herausgegeben von Inge Jens. S. Fischer 1991, S. 226f.