Blick ins Tagebuch
Sorgenvolle Verschnaufpause in Zürich
18.06.1949
Zürich, Sonnabend 18. VI. 49
Unruhige Nacht. 8 Uhr auf. Kühl. Kaffee und Bad. Nach dem Frühstück zu Dr. Asper. Wiedersehen nach 11 Jahren. Der Alte, gealtert. Schliff etwas ab und nahm 10 Franken. – Zu Fuß. Ankunft Nelly Manns, die K. am Bahnhof verfehlt hatte. Mit ihr in K.’s Zimmer. Über Vikko, Klaus, Heinrich. – Gestern Brief von Yx, der vor Deutschland warnt. In der „Tat“ Meldung aus Weimar, daß ich dort den östlichen Goethe-Preis am 28. August in Empfang nehmen werde. Charakteristischer Festlegungsversuch. – Sehr zweifelhaft, ob ich dort hingehen soll. Abneigung, es mit Amerika zu verderben. – Lunch mit Nelly Mann ohne Erika. Kaffee im Garten. Ich trank nachmittags allein Thee im Garten, wo Tanz und Solo-Tanz war. Später mit den Frauen oben. – 7 Uhr abgeholt von Bibi nach Zollikon zu Mosers. Auf der Veranda mit dem Bübchen. Abendessen. Nachher Schuhs [1] und Frl. Andreä. [2] Bibi spielte, begleitet von dieser, auf der Viola Stücke von Marcelli, Milhaud u. eines Amerikaners. Sehr geübt und technisch brav. Gedächtnis für dieses Diktion zu verwundert. – Viel Gespräch mit Schuh über Faustus, die Entstehung [3] etc. – Frido, der sich freute uns zu sehen, dann sehr vertraut mit Großvater Moser. Ernstliche Eifersucht.
 
Die große Europareise nach Dänemark, Schweden und die Schweiz sollte ein Höhepunkt des Jahres sein. Am 21. Mai erhielt Thomas Mann die Nachricht vom Tod seines Sohnes Klaus in Nizza. Neben diesem Schlag plagte ihn aber auch die Entscheidung, in Deutschland zu den Goethefeierlichkeiten erstmals wieder eine große Öffentlichkeit zu suchen – und dies in Ost und West. Seit Anfang Juni erholte sich das Ehepaar Mann von den Vortrags- und Reisestrapazen in Zürich im Hotel Baur au Lac.

In Zürich suchte Mann auch seinen alten Zahnarzt, Dr. Hans Asper, auf, der ihn bereits während des schweizer Exils bis 1938 behandelt hatte. Offenbar hatte Thomas Mann keine größeren Eingriffe zu erleiden. Der jüngst 74-jährige findet den wenig älteren Dentisten sichtbar gealtert vor, er selbst wähnt sich selbst vital und hält sich mit viel Schlaf, guter Kost und Spaziergängen gesund – so auch am 18. Juni.

Drei Tage zuvor hatte Thomas Mann den Frankfurter Oberbürgermeister Walter Kolb in der Hotellobby empfangen und eine Ansprache zur Goethefeier auf dem Römer am 25. Juli zugesagt, gegen den Rat vieler Freunde und gänzlich Unbekannter wie der erwähnt Brief zeigt. Auch mit Ost-Berlin und Weimar befand er sich in Verhandlungen, zierte sich jedoch, weil er fürchtete, sein Heimatland USA zu prellen. Besonders Erika Mann warnte vor einer Stippvisite in den Osten, der Thomas Mann dann doch zustimmte. Sein Argument, der Besuch gelte ganz Deutschland, nicht einzelnen Zonen, wurde weitgehend akzeptiert und brachte ihn bei den US-Autoritäten nicht um seinen Ruf, wenngleich gerade der Weimar-Besuch von geheimdienstlicher Seite kritisch beäugt wurde. Über den Zürcher Tagen lag Anspannung und Ungewissheit. Würde er überhaupt ein Permit-Dokument bekommen, um in die Ostzone zu reisen?

In diese gespannte Atmosphäre platze die Münchner Schwägerin Nelly Mann - der Frau seines Bruders Viktor, nicht Nelly Kröger, Heinrichs bereits 1944 in Kalifornien verstorbene Gattin. Nachdem sie Katia am Zürcher Hauptbahnhof verpasst hatte, steuerte sie auf das Hotel zu, wo Thomas Mann dann für Logis zu sorgen hatte. Er lotste sie zunächst in das Zimmer seiner Gattin und aß zusammen mit ihr zu Mittag. Für Gesprächsstoff sorgten offenbar der Todesfall von Klaus. Der Besuch Magdalenas, wie Nelly eigentlich hieß, hatte einen ähnlichen Grund: Sie selbst verlor ihren Gatten am 21. April kaum sechzigjährig, der zweite Schicksalsschlag innerhalb der Familie innerhalb weniger Monate. Da Thomas Mann auch die Beerdigung des Bruders nicht besuchen konnte, reiste Nelly zur Klärung der Familiengeschäfte nach Zürich.

Sein jüngster Sohn Michael hatte seine Zürcher Jugendliebe geheiratet. Die Familie von „Bibi“ und Gret verband die Manns weiterhin mit Zürich und erklärt auch die Länge des abwechslungsreichend Aufenthalts. Michael spielte nach Tisch Kompositionen eines der Brüder Marcello, die Ende des 17. Jahrhunderts in Italien in Mode waren, sowie im Kontrast dazu Darius Milhaud, den die Manns aus dem Exil in Kalifornien kannten – ein weiteres Beispiel dafür, dass Mann auch zeitgenössische Musik zur Kenntnis nahm.

Den Höhepunkt des Abends bildete sicherlich Enkel Frido, der die Aufmerksamkeit der Gesellschaft – besonders der beiden Großväter – auf sich zog. Obwohl Michael und Gret Mann weitaus häufiger in Kalifornien weilten als in Zollikon bei Zürich, ist Thomas Mann dann doch sehr verstimmt darüber, dass auch dem anderen Großpapa durch den Jungen viel Aufmerksamkeit geschenkt wird. Für den kleinen Frido spielte es zu diesem Zeitpunkt wohl noch keine Rolle, dass Thomas Mann ihm mit der Figur des Echo ein literarisches Denkmal in seinem „Faustus“-Roman gesetzt hatte. Kinder nehmen nun mal keine „politischen“ Rücksichten.
 
Thomas Mann, Tagebücher 1949-1950. Herausgegeben von Inge Jens. Frankfutr a. M. 1991, S. 70.
[1] Das Ehepaar Willi und Nelly Schuh. Schuh (1900-1986) war Musikkritiker der „Neuen Zürcher Zeitung“ und zeigte beispielsweise in seiner Schrift „Thomas Mann und Arnold Schönberg“ besonderes Interesse an Thomas Manns Roman „Doktor Faustus“ und die Rolle der dort beschriebenen Musik.
[2] Michael Mann arbeitete häufig mit der 40-jährigen aus Berlin stammenden Bärbel Andreä zusammen, die ihn auf dem Piano begleitete.
[3] Im Frühjahr 1949 hatte Thomas Mann einen langen Essay über die „Entstehung des Doktor Faustus“ publiziert; ein epochaler Deutschlandroman, der 1947 erschienen war und dessen Genese und geistesgeschichtliche Quellen und Motive Thomas Mann mit dieser Schrift zu erläutern suchte.