Blick ins Tagebuch
Vom Einfluss der Kunst auf das Leben
22.05.1937
Sonnabend den 22.V.37
Wieder heiter. Wie immer jetzt früh schlaflose 1/2 8 Uhr auf. Beendete das Vorwort zu leidlicher Zufriedenheit. 22 Seiten [1]. – Wärme-Behandlung. Dann mit K. im Zoologischen Garten, mit dessen Besichtigung wir meiner Beinschmerzen halber nicht weit gediehen. Eindrucksvolles Aquarium. Schimpanse, der den Pot de chambre benutzt. Begattungsszene. Wermut auf der Restaurant-Terasse. Heimfahrt durch den grünen Wald. – Nach Tische Zeitungen auf der Terasse. Nachmittags verfehlter Cimema-Besuch: Skandalöse Vorführung der Luftschiffkatastrophe mit Geschrei der Verbrennenden. Nachfolgend dummer Wiener Gesellschaftsfilm, allerdings mit der Wessely. Ich hatte die Krönungsfeierlichkeiten zu sehen gewünscht. – Aufenthalt im Küstnachter Wald; zu starke Schmerzen. – Zu Hause an Lion [2] geschrieben und mehreres an ihn expediert. – Eindrucksvoller Brief des Journalisten Koestler aus Gibraltar. Der zum Tode verurteilte und knapp Errettete will seine Leiden mit Hilfe meiner Schriften überstanden haben, namentlich des Schopenhauerkapitels aus „Buddenbrooks“. Den Brief zu lesen unterbrach ich mich in der Lektüre des Kapitels „Über den Tod“, die ich wohl seit 35 Jahren nicht wiederholt. Spiel des Lebens. „Ich hätte es früher nicht für möglich gehalten, daß Kunst einen derart drastischen Einfluß auf das Leben gewinnen kann“. Ich auch nicht, früher.
 
Thomas Mann ging in den Zoo und ins Kino – und auch noch beides an nur einem Tag. Beide Aktivitäten passen kaum ins landläufige Bild vom disziplinierten arkanen Schriftsteller. Mann beeindruck im 1929 gegründeten Zoo auf dem Zürichberg das Aquarium und findet allzu Tierisches buchenswert: einen zivilisiert den Topf benutzenden Affen und die „Begattungsszene“. Auch Thomas Mann erlag der Faszination für die ungehemmt öffentliche Sexualität der Tiere – mit der eigenen ging es freilich komplizierter vonstatten.

Am 6. Mai dieses Jahres jährte sich die Hindenburg-Katastrophe zum 70. Mal. Beim Landen in Lakehurst (NY) explodierte das weltweit größte Luftschiff, das im Jahr zuvor in Dienst genommen wurde und einen Atlantik-Rekord von 62 Stunden erzielte. 35 der 97 Personen an Bord von LZ 129 kamen ums Leben. Nicht allein dieser Unfall, sondern eine Reportage des Journalisten Herbert Morrison, die mit Filmmaterial verbunden wurde, führte der Welt die Fragilität der Luftschifftechnik vor Augen, was schließlich zu einem Ende des Transatlantikverkehrs führte. Diese in zahlreiche Sprachen übersetzte Wochenschau hat wohl auch Thomas Mann gesehen. Er empört sich über das ungehemmte Präsentieren des menschlichen Leids und von Schmerzen angesichts der Katastrophe.

Eher einer Seifenoper glich die Entwicklung im englischen Köningshaus: Eduard VIII. hatte 1936 abgedankt um seine Liebe, die Amerikanerin Wallis Simpson, zu ehelichen. Sein Bruder George VI. wurde am 12. Mai 1937 mit seiner Gattin Elizabeth in Anwesenheit seiner Tochter, der heutigen Queen, in Westminster Abbey gekrönt. Dagegen musste sich Thomas Mann mit „Die ganz große Torheit“ mit Carl Froelich, Hedwig Bleibtreu und Kurt Meisel ansehen. Wie Alma Maler-Werfel imponierte auch Paula Wessely Thomas Mann in ihrer präsenten Art. Weniger sympathisch ist ihre spätere Begeisterung für den Nationalsozialismus.

Und immer wieder der eigene Körper: Schlaflosigkeit, wenngleich 7:30 keine nachtschlafende Zeit ist, Bestrahlung und den ganzen Tag über Schmerzen im Bein, die ihn hemmen. Auch beim Spaziergang im nahe gelegenen Wäldchen befallen Thomas Mann Schmerzen. Das Lesen von Zeitungen auf der Veranda ist dagegen Erholung.

Der Höhepunkt des ansonsten wenig angenehm verlaufenen Tages ist ein Brief von Arthur Koestler, einem Schriftsteller und Journalisten, Kommunist, Lektor beim Ullstein-Verlag. Er beobachtete das Geschehen des Spanischen Bürgerkriegs auf republikanischer Seite ähnlich wie Aldous Huxley, kam beim Fall von Malaga in Gefangenschaft der Franco-Partei und wurde nach langem Gefängnisaufenthalt zum Tode verurteilt. Durch britische Intervention kann er sich ins sichere Gibraltar retten und schreibt von dort sogleich Thomas Mann: Die „Buddenbrooks“ hätten ihm das Überleben gesichert, hätten ihn nicht verzweifeln lassen. Besonders die Schilderungen der Todesahnung des Senators im fünften Kapitel des letzten Teils hätten ihm als Resonanzboden gedient. Mann ist von diesem existenziellen Bekenntnis sichtlich ergriffen und nahm sich Schopenhauers „Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich“ vor („Die Welt als Wille und Vorstellung, 2. Teil) – nicht seinen eigenen Romantext. So ist er denn auch ganz bei sich, seinen Erfahrungen und Bedürfnissen, wenn seine Gedanken bis ins Jahr 1899 zurückschweifen und er sich seines Lektüreerlebnisses erinnert. Für Mann schließt sich ein Kreis, ihn imponiert die Wirkung seines Textes, sieht die Intensität seines damaligen Schopenhauererlebnisses bei Koestler gespiegelt. Der Einfluss der Kunst auf das Leben, hier: der stabilisierende Einfluss des Familienromans auf den vor der Hinrichtung stehenden Koestler, wird häufig überschätzt. Es scheint eine Frage der Lebenserfahrung zu sein, ihn zu ermessen.
 
Thomas Mann: Tagebücher 1937-1939. Herausgegeben von Peter de Mendelssohn. Frankfurt a. Main 1980, S. 64.
[1] Thomas Mann schloss das programmatische Vorwort zum ersten Heft der Exilzeitschrift „Mass und Wert“ ab, die er herausgab und die Sohn Golo Mann als Redakteur betreute.
[2] Lion Feuchtwanger (1884-1958), mit dem sich Thomas Mann - selten genug duzte - war ein Schriftstellerkollege, der das Exil der Manns in Sanary-sur-Mer teilte und der in regem Austausch mit Thomas Mann stand und mit ihm ins kalifornische Exil gehen sollte.
Mastermind
Schopenhauer
Erstellt am 22.05.2007 19:46
Meines Wissens hat sich Thomas Mann immer wieder mit Schopenhauer beschäftigt, sodass es nicht glaubhaft erscheint, dass er solch wichtige Texte 35 Jahre nicht gelesen hat (vgl. Betrachtungen eines Unpolitischen). Hier stilisiert er sich sein eigenes Erinnerungserlebnis - wie rührseelig!