Blick ins Tagebuch
Das „Bedford“-Hotel in New York: Hauptquartier der Exilliteratur
01.11.1940
Freitag, den 1.XI.40, New York, Bedford
½9 Uhr auf. Kaffee- u. Cereal-Frühstück nach dem Bad. 10 Uhr Bermann. Mit ihm über die Stockholmer Ausgabe der »V. K.« dann über den Verlagsplan. Danach über diesen Gegenstand Konferenz in unserm Salon mit van Loon, J. Romains, Werfel, Zuckmayer. Sehr vorläufige Ergebnisse. Rendez-vous für den 12ten. Zwischendurch Erika. Verabschiedung von Heinrich. – ½1 mit K. zum St. Regens, gutes Lunch mit Knopfs, bei dem ich des Wohlgeschmacks wegen u. weil ich beim gestrigen Dinner appetitlos war, viel aß. Über The Beloved, die V. K., den Essayband und die Election, deren Ausgang für das Außenpolitische nichts Wesentliches ändern soll. Mit Taxi ins Hotel, während K. in der verschleppten Sache ihres Bruders Peter unterwegs. – –
Zurück in Princeton. Im Bedford Thee mit K. u. Klaus. Aufbruch zum Zuge 615. Unterwegs Magazins. An der Junction Frau v. Kahler, die wir nach Hause brachten. Wermut bei uns. Abends die Post gelesen und gleichzeitig einer weiteren, stark sozialen Wahlrede Roosevelts zugehört, die aufs stärkste bejubelt wurde. Seine Wiederwahl ist von höchster Bedeutung für die Entwicklung aller Dinge. Der Charakter der Epoche macht sie unwahrscheinlich. Es wäre die erste politische Freude u. Genugtuung seit sieben einhalb Jahren. Andererseits trifft hier einmal das Führer- und Massenmotiv mit dem höheren und geistigen Interesse zusammen – dies könnte zu einer Genugtuung führen und den Nazismus schlagen.
 
Im Exil sein heißt, für längere Zeit im Hotel und aus dem Koffer leben. Kaum ein Hotel wurde in solchem Maße zum Salon und Wohnzimmer europäischer Exilschriftsteller wie das „Bedford“ an der Kreuzung von 118 und 40. Straße in Midtown Manhattan. Klaus Mann lebte hier viele Monate, Erika ebenfalls. Auch für Thomas und Katia Mann wurde das Hotel vorübergehend zur Heimat, selbst in der Princetoner Zeit zum häufig aufgesuchten New Yorker Standbein. Denn in die Universitätsstadt in New Jersey hatte es Mann als Gastprofessor für Literatur verschlagen, freilich ohne besondere Lehraufgaben. Die bevorzugte Hotelbehandlung und die Affinittät zum „Bedford“ ist dadurch zu erklären, dass der Hotelmanager, Anton Nägel, ein Emigrant wie die Manns war und Thomas Mann den Chef des Hauses bereits seit 1935 als Geschäftsführer des Hotels „Algonquin“ kannte.

Thomas Mann erhielt auch diesmal eine Suite mit Salon, ansonsten war die Herberge auch nicht so kostspielig wie andere Hotels in Manhattan. Dort nahm er das ortsübliche „Cereal-Frühstück“ – Cornflakes mit Milch – und am Nachmittag den „Thee“. Trotz aller Bequemlichkeit konnte doch auch die Gastlichkeit des „Bedford“ nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Familie Mann nicht aus ureigenem Wunsch in New York logierte. „Seit sieben einhalb Jahren“, wie Thomas Mann in diesen Tagebuchzeilen präzisiert, sind sie auf der Flucht fern der deutschen, der Münchner Heimat, ohne publizistische Resonanz in Hitlers Deutschland.

Seit 1938 waren Bücher Thomas Manns im Deutschen Reich nicht mehr legal zu erwerben. Von Stockholm aus setzte Gottfried Bermann Fischer seine verlegerische Aktivität fort und beschloss dem Verlag mit der „Stockholmer Ausgabe“ der Werke Thomas Manns ein in Antiqua gesetztes Flaggschiff zu geben. Im Herbst 1939 erschienen „Lotte in Weimar“ und „Der Zauberberg“, der Zweite Weltkrieg begann jedoch, Finnland trat in den Krieg ein, Norwegen wurde besetzt. Der Verleger hatte seine Flucht bereits organisiert, als er in Berlin verhaftet wurde und nach Monaten Gefängnis über die Sowjetunion fliehen konnte. Bermann Fischer emigrierte nach New York und beschloss, seinen Verlag in Stockholm von den USA aus zu steuern. Erstes Produkt dieser „Fernsteuerung“ war Thomas Manns Erzählung „Die Vertauschten Köpfe“ – im Tagebuch „V.K.“ genannt. Manns Bücher wurden in der Schweiz, in den USA, Mexiko und überall sonst verkauft, wo die Nazis es nicht verbieten konnten. Thomas Mann war zu dieser Zeit ein wichtiger Berater für seinen Verleger, der auch einen neuen Verlag in New York plante. Thomas Mann stand mit vier bedeutenden Kollegen zum Aufbau dieses Vorhabens bereit: der Schriftsteller Hendrik Willem van Loon (1882-1944), den Thomas Mann seit 1935 kannte und der sich sehr für die deutschen Emigranten einsetzte; der Präsident des PEN-Club Jules Romains (1885-1972), ein französischer Romancier und Dramatiker im amerikanischen Exil [1] sowie die beiden erfolgreichen deutschen Schriftstellerkollegen Franz Werfel und Carl Zuckmayer, beide Verlagsgenossen Thomas Manns. Das Resultat des Treffens im Salon der Suite von Thomas Mann war mager: „sehr vorläufige Ergebnisse“. Auch beim angekündigten Treffen am 12. November kam es nicht zu einem Durchbruch. Fritz Landshoff, einer der rührigsten Verlegerpersönlichkeiten des Exils, wie auch Alfred A. Knopf waren nicht mit von der Partie, Bermann Fischer unter die Arme zu greifen.

Viel besser als das Treffen mit den Literaten bekam Thomas Mann das Lunch mit seinem amerikanischen Verleger Knopf. Dies fand im New Yorker Stammhaus der Exklusiven „St. Regis“-Kette statt. In Erinnerung an den ehemaligen Besitzer des Luxushotels an der 5th Avenue, Astor, heißt das Restaurant, in das Knopf Thomas Mann einlud „Astor-Court“. Die Amerikaner hatten unterdessen auch mehr Appetit auf seine Büchern bekommen, insbesondere an „Lotte in Weimar“, das aus verkaufsstrategischen Gründen mit dem Untertitel „The Beloved Returns“ versehen wurde. Eine Übersetzung von „Die vertauschten Köpfe“ sollte bald erscheinen – genauso wie ein Essayband.

New York war für die ganze Familie Mann Ersatzheimat, besser: Treffpunkt und Hauptquartier ihrer Aktivitäten. Nach seiner abenteuerlichen Flucht hielt sich Heinrich Mann mit Nelly Kröger vorübergehend in New York auf. Erika Mann hielt in New York Kontakte zur BBC und dem „Office of War Information“. Sie tourte mit ihrem Bruder Klaus Mann auf Vortragsreisen durch die USA, um vor dem NS-Regime zu warnen. Mit „Escape to life“ über Persönlichkeiten der deutschen Kultur- und Intellektuellenszene im Exil sowie „The Other Germany“, in Zusammenarbeit mit Erika Mann verfasst, versuchte er die Entstehungsbedingungen von Kultur im Exil zu analysieren – eine der produktivsten Phasen in Klaus Manns Leben. Weite Teile der Bücher wurden im „Bedford“-Hotel geschrieben. Auch Monika Mann und ihr Gatte sollten nach New York kommen, doch wurde ihr Schiff „City of Benares“ durch einen deutschen Torpedo getroffen, Monika überlebte knapp, ihr ungarischer Mann ertrank. Katia Mann bemühte sich an diesem Tag in diplomatischen Missionen um die Freilassung ihres Bruders, des Physikers Peter Pringsheim, der in Belgien nach dem Einmarsch der Nazis verhaftet war und erst im Dezember 1940 aufgrund amerikanischer Kontakte freikam und in die USA emigrieren durfte. Auch Erich von Kahler (1885-1970) floh wie Thomas Mann aus der Schweiz in die USA, findet wie Hermann Broch und Albert Einstein in Princeton eine Anstellung. Seine von Thomas Mann erwähnte Frau Josephine galt den Zeitgenossen als bemerkenswert: studiert, aus mondänem Elternhaus, selbstbewusst. Im Herbst 1940 verließ sie von Kahler, der – in praktischen Dingen unbewandert – ein sehr stilles Exilantenleben führte, dessen Werke wie „Man the Measure“ fortwirkten. Emigrantenschicksale, verbunden durch das „Hotel Amerika“.

Für diese exilantenfreundliche US-Politik wird der 26. Präsident der USA, Franklin D. Roosevelt, verantwortlich gemacht. Er verkörperte die Sozial- und Wirtschaftsreformen des „New Deal“, die die Schrecken der Weltwirtschaftskrise bannten und die USA stärkten. Nach dem Scheitern des „Appeasements“ mit den Deutschen nach deren Einmarsch in Polen zeigte er trotz formaler Neutralität Solidarität mit London. Seit September 1940 agitierte das „America First“-Komitee gegen ein Eingreifen der USA in den Krieg. Neben Isolationisten wie z.B. Rekordflieger Charles Lindbergh standen insbesondere die Republikaner mit Wendell L. Wilkie an der Spitze gegen seine engagierte Politik. Am 5. November wurde Roosevelt mit knapp 55 % Zustimmung zu einer nur durch den Kriegsausbruch gerechtfertigten dritten Amtszeit gewählt. Dass „seine Wiederwahl von höchster Bedeutung“ für die Weltpolitik war, hat auch Philip Roth’s Roman „Gefahr für Amerika“ ausgeleuchtet, der danach fragt, wie die Weltpolitik an diesem Scheideweg verlaufen wäre, hätten sich isolationistische oder gar nazifreundliche Kräfte in den USA durchgesetzt. Thomas Mann war pessimistisch. Umso mehr jubelte er am 6. November, die Zeit der „Appeaser-Clique“ und Zögerer sei nun vorbei – der erste Hoffnungsschimmer seit sieben Jahren. Thomas Mann sandte ein Glückwunschtelegramm an Roosevelt, mit dem er am 31. Oktober noch telefoniert hatte. Thomas Mann hatte erkannt, dass diese „Election“ für Europa, sogar für die Weltgeschichte eine Schicksalswahl war. Er gönnte Roosevelt den Erfolg, weil er überzeugt war, dass dieser ganz im Gegensatz zu Hitler sowohl die Massen hinter sich sammeln als auch in seine Politik durch breite geistige Interessen und Humanismus einbringen könne. Diese Mischung hielt er für geeignet, die Nationalsozialisten zu besiegen.

Gerade New York war für Thomas Mann aber nicht nur ein Ort der Verhandlungen, Meetings und des Austauschs. Gerade in diesen Tagen begann Manns spürbare Aktion für den Widerstand gegen Hitlerdeutschland, es starten seine Radioappelle „Deutsche Hörer“, die BBC London ausstrahlte und die im New Yorker Studio produziert wurden. Bis Kriegsende sollten es fast 60 Radiomitteilungen sein. Erst Mitte Oktober waren die Verhandlungen durch Vermittlung von Erika Mann konkret geworden, am 24. Oktober bereits hatte er seine erste Botschaft geschrieben und dann nach London „gekabelt“. New York bot solche publizistischen Möglichkeiten.

Princeton war hingegen unspektakulär. Die Rückkehr per Zug routiniert, fast jede Woche gab es einen Abstecher nach New York, einen Ausflug in diese Welthauptstadt der Emigration. Stieg Thomas Mann in Princeton aus, erholt durch Magazinlektüre, so war er wieder ganz in Amerikas distinguierter akademischer Provinz angekommen, in der es fast so aussah, als befände sich die Welt nicht im Krieg. Thomas Mann scheint dies trotz der Idylle seines Lebens im Universitätsstädtchen dennoch keinen Tag vergessen zu haben.
 
Aus: Thomas Mann: Tagebücher 1940-1943. Herausgegeben von Inge Jens. Frankfurt a. Main: S. Fischer Verlag 1982, S. 173
[1] Am 31. Oktober 1940 hatte Thomas Mann mit beiden vorgenannten an einer Festveranstaltung des „Emergency Rescue Committee“ im Hotel Commodore teilgenommen, die der glücklichen Rettung französischer Schriftsteller galt. Thomas Mann solidarisierte sich und ergriff das Wort zu einer Ansprache.
Fischer
New York-Impressionen
Erstellt am 11.11.2007 12:40
Lieber Fischer Verlag,
ich komme gerade von einer Reise nach NY zurück und bin durch Thomas Manns Tagebucheintrag ins Grübeln geraten. So lange liegt diese Zeit noch nicht zurück: Verfolgung in Europa, Exil, Versuche des Widerstands. Diese bezaubernde Stadt ist ein großer Resonanzbonden, auch heute noch. Wie sehr es auch damals war zeigt diese sympathische und kenntnisreiche Skizze.
O. Fischer