Blick ins Tagebuch
Thomas bleibt im Exil – unbequem und aktiv
22.10.1945
Pacif. Palis., Montag den 22.X.45
Großer Erfolg de Gaulles bei den französischen Wahlen. – Schrieb am Kapitel weiter (Gesta) und ging bei angenehmem Wetter bis zum alten Haus. Persönlicher Brief von Golo mit Beilagen aus deutschen Blättern, Radio-Bericht über die Antwort an Molo, Artikel gegen Thiess, Abdruck des Schlusskapitels von „L.i.W“ – Benachrichtigung durch den Aufbau, daß die „Staatszeitung“ den Brief mit tückischer Überschrift abgedruckt hat. – Sonst viel Post zu lesen. Ehrendoktor of Hebrew Letters des Hebrew College in Cincinati.- Nachmittags geschlafen. Nach dem Thee Brief an Vicco K. [1] diktiert. Danach dem Aufbau über die „St.Z.“ ironisch geschrieben. Abends Zeitschriften. General Halder behauptet bei seinen Verhören in London, eine Offinziersgruppe sei, bevor Chamberlain nach Berchtesgarden flog, im Begriffe gewesen, Hitler zu verhaften, da der Angriff auf die vollkommen gerüstete Tschechoslowakei für katastrophal gehalten wurde. Die Verblüffung über Hitlers politische Voraussicht habe den Coup verhindert.
 
In der Provinzzeitung „Hessische Post“ erschien Anfang August 1945 einer der für die deutsche Kulturgeschichte folgenreichsten Artikel der Nachkriegszeit: Walter von Molos Aufruf an Thomas Mann, als „guter Arzt“ nach Deutschland zurückzukehren und die Nöte der Deutschen im zertrümmerten Deutschland kennenzulernen. Der baltendeutsche Schriftsteller Frank Thieß goß noch Öl ins Feuer und bezeichnete sich und andere Autoren als Vertreter einer „Inneren Emigration“, der es an moralischer Rechtfertigung nicht fehle. Vielmehr hätten diese „Emigranten“ nicht aus bequemer Position dem Leiden des deutschen Volkes zugeschaut, sondern es mitdurchlitten. Deshalb, so Thieß, seien die Vertreter der „Inneren Emigration“ auch eher dazu berufen, Deutschlands Zukunft zu bestimmen als die nichtswissenden Emigranten, die sich im Exil ein falsches Bild hätten machen müssen und denen die Solidarität des Mitempfindens fehle. Unerhört, diese Argumentation – so empfand es Thomas Mann. Geradezu eine Bestätigung, eben nicht nach Deutschland zurückzukehren. Die Antwort Manns vom 10. September 1945 fiel eindeutig aus: „Warum ich nicht nach Deutschland zurückgehe“.

Sollte sich mit Kriegsende in Deutschland alles schlagartig ändern? Die Nazizeit ein böser Spuk? Bekannte meldeten sich plötztlich, ehemalige Freunde und Weggefährten wie Emil Preetorius und der jüngste Bruder Viktor Mann. Thomas Mann mißtraute Deutschland und der eilfertigen Einladung, doch gefälligst zurückzukommen. Selbst im ersten Brief seit langem an seinen Bruder Viktor, Vicco, Mann erwähnt er von Molos Brief – neben einer Skizze seines Alltags und über das Ergehen von Famlienangehörigen. Die Tagebücher dieser Herbstwochen sind voll von Reflexionen über die zweite Ausbürgerung, die dem Remigrationsappell folgte. Golo Mann beobachtete die deutschen Medien von Luxemburg aus und informierte den Vater. Auch die amerikanische deutschsprachige Presse griff das Thema auf. So titelte die „New Yorker Staatszeitung“, wie Mann kommentiert, „tückisch“: „Ich bleibe deutscher Schriftsteller, fürchte mich aber vor deutschen Trümmern“. Gelegenheit, um in der New Yorker Konkurrenzpostille „Aufbau“ einen Leserbrief unterzubringen, der am 2. November mit der Überschrift „In eigener Sache“ erschien. Bis ins Jahr 1947 dauerte diese Kontroverse, an der sich Erich Kästner, der junge Ralph Giordano und Rudolf Augstein beteiligten.

Untätig war Thomas Mann allen politischen Engagements und aller Selbstverteidigung zum Trotz nicht: Ihn beschäftigte dieser Tage „Lotte in Weimar“ und die „Gesta Romanorum“, jene Sammlung von Legenden und Erzählungen, die zu den beliebtesten moralischen Textsammlungen des Hochmittelalters gehörte. Adrian Leverkühn komponierte auf dieser Grundlage eine Vertonung der Geschichte Papst Gregors. Wie sehr Thomas Mann diese Geschichte fasziniert hat, zeigt sein eigener Gregorius-Roman, „Der Erwählte“, aus dem Jahr 1951. Am liebsten, so schrieb Mann am 25. Oktober an seine Gönnerin Agnes Meyer, nähme er Leverkühn die Gregorius-Geschichte ab, „um eine merkwürdige Novelle daraus zu machen“. Dieses Tagebuchnotat verrät zudem, wie weit er bei diesem Roman schon gekommen war – bis zum XXXI. Kapitel nämlich – und welch andere geistigen Sphären er ausmaß, nämlich die mittelalterlicher Legenden und Überlieferung. Dennoch hat sich auch die Kontroverse um die Rückkehr in Thomas Manns Deutschland-Roman „Doktor Faustus“ eingeschrieben.

Man kann oft lesen, Thomas Mann sei versessen auf Titel und Ehrungen gewesen. Als er vom Ehrendoktor des Hebrew Colleges erfuhr, reagiert er unaufgeregt. Selbst die Einladung zum Jahresbankett der „American Friends“ des Colleges lehnte er dankend und mit Verweis auf Arbeitsüberlastung ab. Am 8. Dezember wurde ihm das Ehrendoktorat in absentia zugesprochen. Thomas Mann erledigte allein an diesem Tag zehn Briefe – so eine Zusage, dass das Komitee zur Erinnerung an die Zerstörung des tschechischen Dorfes Lidice am 27. Mai 1942 durch die SS-Schergen des Reinhard Heyderich Thomas Mann als Gewährsmann für ihre Sache anführen dürfe. Kein Zweifel auch hier, auf wessen Seite Thomas Mann stand.

Nicht nur Ereignisse der Tagespolitik wie die Unterstützung der französischen Mehrheitsparteien für Charles de Gaulle, der zum Ministerpräsidenten der Übergangsregierung ernannt wurde, schlugen sich im Tagebuch nieder. Auch scheinbar weit zurückliegende Geschehnisse wie um die Münchner Konferenz vom 1938 beschäftigten Thomas Mann: Franz Halder (1884-1972) hatte eine steile Karriere hinter sich, als er im September 1938 von Hitler zum Nachfolger des Generalstabschefs Generaloberst Ludwig Beck ernannt wurde, der sich gegen die Entmachtung der Wehrmachtsführung gewandt hatte. Erst nach den Verhaftungen des 20. Juli 1944 wurde bekannt, dass Halder und Beck für den Fall einer englischen Reaktion auf die Sudetenkrise Hitler stürzen wollten. In der Tat war Hitler diesem Coup zuvorgekommen, indem er Neville Chamberlain zu Zugeständnissen und territorialen Forderungen bewegen konnte.

Trotz allen Interesses für die politischen Verwicklungen der Vergangenheit und seiner Gegenwart, genoß Thomas Mann das ruhige kalifornische Herbstwetter. Von seinem 1944 bezogenen Anwesen am San Remo Drive lief er zur alten Behausung am drei Kilometer entfernten Amalfi Drive. Zumindest die Straßennamen seines amerikanischen Exils erinnerten an Europa, ließen es in einem milden, mediterranen Licht erscheinen. In Deutschland blieb es trotz der Befreiung vom 8. Mai 1945 vorerst dunkel. Ein geistiger Aufbruch war wenig glaubhaft, solange die verstrickten Mitläufer „ihre“ Wahrheit über die NS-Herrschaft der politischen Hellsichtigkeit Thomas Manns vorzogen.
 
[1] Gemeint ist hier Viktor Mann, den Thomas Mann wegen dessen Ehefrau mit Nachnamen Kröger als K. tituliert und ihn somit aus dem Familienkreis der Manns verbannt. Dieses Detail mag vielleicht seine Skepsis gegenüber dem Bruder zum Ausdruck bringen, der während der NS-Zeit steile Karriere machte und gutbürgerlich in München lebte.

Aus: Thomas Mann: Tagebücher 1944-1.4.1946. Herausgegeben von Inge Jens. Frankfurt a. Main: S. Fischer Verlag 1986, S. 266f.