Blick ins Tagebuch
Kurioses Hochgefühl der Königlichen Hoheit nach Beendigung des „Krull“
09.10.1954
Kilchberg, Sonnabend den 9. X. 54
Nach 8 Uhr [auf]. Im Morgenblatt Webers Besprechung des „Krull“ unter dem Titel „Ein Meisterwerk T.Ms.“ [1] Hohes Lob, bestrebt, die innersten Fiebern des Buchs anzurühren. Etwas nebelhaft im Ausdruck, aber liebevoll. – Gefühl, in ein Festjahr eingetreten zu sein. Wunderlich, wie ich gestern im Theater und Hotel (die Angestellten!) selbst ganz wie eine Königliche Hoheit behandelt wurde und so reagierte. Wunderlicher Lebenstraum, der bald ausgeträumt sein wird. Kurios, kurios. Das habe ich früh gesagt und werde es zuletzt sagen. – Völlig unfähig zu arbeiten. Den ganzen Tag krank. Nachmittags im Bett. Qualvolle Erregung statt Ruhe. Aber abends ins Theater, was mich eher zerstreute und belebte. „Leocadia“ von Anoui[l]h, halb träumerisches, drolliges Spiel, lose, wie man es heute so macht; einige von den Darstellern amüsierten mich, ein gewisser Alfons Höckmann, etwas Provinz-Romeo, spielte den Prinzen. Wiedersehen mit der alten Terwin-Moissi. Sehr begabt offenbar ein gewisser Dickow als Bistro-Wirt, der in Luzern ein vorzüglicher Sosias gewesesen sein soll, wie Dir. Wälterli [2] erzählte. Kaffee in der Pause mit Schweizer und Trebitsch.
 
Thomas Mann erlebte den goldenen Herbst wie ein Fest. Er genoss die eingefahrene Ernte seines Schaffens: so die Vorpremiere von „Königliche Hoheit“, Dreharbeiten an den „Buddenbrooks“ und das Erscheinen und die lobende Resonanz auf seinen fortgesetzen „Krull“-Roman. Erika Wirtz legte eine Dissertation zur Ironie im „Zauberberg“ vor – akademische Weihen auch für den Autor. In diese Tagen des Einbringens saß Thomas Mann dem Bildhauer Gustav Seitz Modell und dachte „über das Aufstellen meiner Büste in Stein auf einem städtischen Platz in Deutschland“ nach. Der Maler Wolf Ritz porträtiert ihn in Öl. Tage des Triumphs über das Erreichte: „Eigentümlich beruhigend über den Tod und die Existenz festigend. Tod, wo ist dein Stachel“, fragt Thomas Mann am 17. Oktober.

Am 2. Oktober 1954 bekam Thomas Mann vom S. Fischer Verlag die ersten zehn Exemplare seines neuen Buches geliefert, das pünktlich zur Buchmesse erschien. Der Verlag meldete 10.000 Vorbestellungen und eine hohe Pressenachfrage. In den kommenden Tagen war Mann angespannt, wie die Kritik seinen „Felix Krull“ wohl aufnehmen würde. Immerhin hatte er die 1911 erstmals in einem Auszug erschienene Hochstaplernovelle zu einem pikaresken Roman ausgebaut, der dennoch fragmentarisch blieb. Würde man die Nähte spüren, die die Jahrzehnte zusammenschweißen? Den Anfang machte eine applausspendende Besprechung von Werner Süskind in der „Süddeutschen Zeitung“. Er nennt das Hopflé-Kapitel „genial“. Thomas Mann ist zufrieden über die „gute Presse“ und liest diese Kritik sogar mehrfach am Tag. Dass Werner Webers (1919-2005) Rezension in der „Neuen Zürcher Zeitung“ positiv ausfallen würde, hatte der Feuilletonchef Thomas und Katia Mann bei einem Abendessen bereits persönlich versichert. In den kommenden Tagen erschienen weitere feiernde Besprechungen, die Mann in seinem Tagebuch erwähnte: durch Willy Haas in der „Welt“, durch Alexander Frey im „St. Galler Tagblatt“, in der „Tat“ durch Max Rychner.

Das Hochgefühl dieses Tages speist sich zum Teil aus dieser Genugtuung über die positive Aufnahme des Buches. Thomas Mann stand noch ganz unter dem Eindruck der Premiere der Verfilmung von „Königliche Hoheit“. Unter Applaus sei er mit Tochter Erika in die Ehrenloge des Orient-Kinos gebeten worden. Das Tagebuch berichtet von Ovationen. Danach standesgemäßer Presseempfang im Hotel Baur au Lac. Zum krönenden Abschluss gab es Kaviar in der Mann’schen Villa in Kilchberg. Thomas Mann mutet dies märchenhaft an – er selbst als Königliche Hoheit. Er wurde als solche angesehen und er reagierte standesgemäß. Man spürt die Genugtuung über die Ehrungen, die ja immer halb Maskerade und Theater sind.

Im Zürcher Schauspielhaus war Thomas Mann im Oktober häufig zu Gast, auch beschäftigte er sich wieder einmal mit Schillers Dramen: Er las „Die Räuber“, „Die Jungfrau von Orleans“ und „Kabale und Liebe“ – in nur einer Woche. Er sah zu dieser Zeit Molières „Die Schule der Frauen“, „Die tiefe See“ von Terence Rattigan, Shakespeares „König Heinrich IV.“ und eben Anouilhs „Leocaida“ aus dem Jahr 1940 in der Inszenierung von Werner Kraut. Die arme Pariser Hutmacherin Amanda verliebt sich in den schwermütigen Prinzen Albert. Albert hatte sich in die Operndiva Leocaida verguckt, die bei einem Autounfall starb und einen ratlosen Albert hinterließ: „träumerisch, drollig“ und in lockerer Szenenfolge. Als Prinz faszinierte Thomas Mann der 31-jähige Alfons Höckelmann, den er bereits in Shakespeares „Was ihr wollt“ bewundert hatte. Am Rande der Aufführung hatte Mann Erkundigungen über ihn, über Hans-Helmut Dickow und Johanna Terwin-Moissi, die in der Rolle der Herzogin Johanna gastierte, bei Direktor Oskar Wälterlin eingeholt. Die beiden erwähnten Gesprächspartner der Theaterpause sind alte Bekannte: Seit 1919 kannten die Manns den fleißigen Theatergänger Siegfried Trebitsch (1869-1956) und seine Frau Antoinette. Der Wiener Schriftsteller, zu dessen 85. Geburtstag Mann erst vor wenigen Tagen gratulierte, hatte sich als Übersetzer Bernhard Shaws einen Namen gemacht. Richard Schweizer (1900-1965) war Präsident des Verwaltungsrats des Zürcher Schauspielhauses und mit der Familie Mann seit dem ersten Zürcher Exilaufenthalt bekannt – eine muntere Theatergesellschaft, die auf Thomas Mann belebend wirkte.

Trotz des Hochgefühls ist die Stimmung Thomas Manns getrübt: Er fühlt sich krank, unfähig zu arbeiten, qualvoll erregt. Die Gesundheit und somit das Alter machten sich gelegentlich bemerkbar. Mann weiß um die Endlichkeit seines durch Höhepunkte der Erfüllung gesegneten Lebens: Bald ist der wunderliche Lebenstraum ausgeträumt. Wenige Tage später wähnt er den „Stachel des Todes“ wieder in weiter Ferne und genießt Sonnentage und die eingebrachte literarische Ernte. Im Bewusstsein der Kuriosität des eigenen Lebens verweist Thomas Mann darauf, dass er schon immer an diese merkwürdige Existenz, an das Wunderbare, geglaubt habe – ganz wie es auch der alte Senator Buddenbrook sagt: „Kurios, kurios“. Mit der Weiterentwicklung und dem vorläufigen Abschluss des „Krull“ erfuhr sein Leben eine Rundung, die ihn tief befriedigte. Kein Wunder, dass er Zeit für die eigene Monumentalisierung durch den Bildhauer Gustav Seitz (1906-1969) fand, dessen Büste er besonders lobte. Seit dem 4. Juli 2007 steht ein Abguss auf einem öffentlichen Platz in Berlin.
 
Aus: Thomas Mann: Tagebücher 1953-1955. Herausgegeben von Inge Jens. Frankfurt a. Main: S. Fischer Verlag 1995, S. 282f.
[1] Werner Weber: Ein Meisterwerk Thomas Manns. Hinweis auf die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“. In: Neue Zürcher Zeitung vom 6. Oktober 1954, Bl. 6/1
[2] Die Tagebuchausgabe von Inge Jens korrigiert zwar den falsch geschriebenen Anouilh, lässt aber Thomas Mann das verschluckte „n“ in Oskar Wälterlins Namen durchgehen.